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Essstörungen: Wenn das Verhältnis zum Essen aus dem Gleichgewicht gerät
Essen ist weit mehr als Nahrungsaufnahme. Es ist mit Genuss verbunden, mit Gemeinschaft, mit Tröstung – und manchmal auch mit Kontrolle, Scham oder Angst. Wenn das Verhältnis zum Essen und zum eigenen Körper dauerhaft belastet ist, wenn Gedanken um Kalorien, Körpergewicht und Körperform den Alltag bestimmen, kann eine Essstörung vorliegen.
Essstörungen gehören zu den psychischen Erkrankungen, die häufig lange unerkannt bleiben. Betroffene schämen sich, bagatellisieren oder bemerken selbst nicht, wie sehr sich ihr Verhalten verändert hat. In meiner psychotherapeutischen Arbeit in Berlin begegne ich Menschen, die oft schon Jahre mit ihrer Essstörung leben, bevor sie den Schritt in die Therapie wagen. Dabei gilt: Je früher Unterstützung beginnt, desto besser die Prognose.
Formen von Essstörungen: Ein Überblick
Magersucht (Anorexia nervosa)
Bei der Anorexie steht ein starkes Bedürfnis nach Gewichtsreduktion im Vordergrund – auch wenn das Körpergewicht bereits deutlich unter dem Normalbereich liegt. Betroffene empfinden sich trotz Untergewicht als „zu dick“. Das Essverhalten wird stark eingeschränkt, oft begleitet von übermäßiger körperlicher Aktivität.
Typische Merkmale:
- Deutliches Untergewicht (BMI unter 17,5)
- Intensive Angst vor Gewichtszunahme
- Verzerrte Körperwahrnehmung
- Vermeidung von gemeinsamen Mahlzeiten
- Sozialer Rückzug
- Körperliche Folgen: Haarausfall, Kälteempfindlichkeit, Kreislaufprobleme, Ausbleiben der Periode
Magersucht ist die psychische Erkrankung mit der höchsten Sterblichkeitsrate. Diese Tatsache unterstreicht, wie wichtig professionelle Hilfe ist.
Bulimie (Bulimia nervosa)
Die Bulimie ist gekennzeichnet durch wiederkehrende Essanfälle, bei denen in kurzer Zeit große Mengen Nahrung aufgenommen werden, gefolgt von gegenregulatorischen Maßnahmen wie Erbrechen, Fasten oder exzessivem Sport. Anders als bei der Anorexie ist das Körpergewicht oft im Normalbereich – was die Erkrankung von außen schwerer erkennbar macht.
Typische Merkmale:
- Wiederkehrende Essanfälle mit Kontrollverlust
- Anschließendes Erbrechen oder andere kompensatorische Maßnahmen
- Starke Scham- und Schuldgefühle
- Heimliches Essverhalten
- Körperliche Folgen: Zahnschäden, Elektrolytstörungen, Speiseröhrenentzündung
Binge-Eating-Störung
Bei der Binge-Eating-Störung kommt es ebenfalls zu wiederkehrenden Essanfällen, allerdings ohne anschließende Gegenmaßnahmen. Die Betroffenen leiden stark unter ihrem Verhalten, fühlen sich nach den Essanfällen schuldig und ekelnd. Häufig besteht Übergewicht, aber nicht zwingend.
Typische Merkmale:
- Essen großer Mengen ohne körperliches Hungergefühl
- Gefühl des Kontrollverlusts während des Essens
- Essen bis zu einem unangenehmen Völlegefühl
- Essen allein aus Scham
- Depressive Verstimmung nach den Essanfällen
Warnsignale: Woran erkennt man eine Essstörung?
Essstörungen beginnen oft schleichend. Anfangs mag es wie eine harmlose Diät oder ein verstärktes Gesundheitsbewusstsein wirken. Doch es gibt Warnsignale, die aufhorchen lassen sollten:
- Ständiges Beschäftigtsein mit Essen, Kalorien, Körpergewicht oder Körperform
- Strikte Essensregeln – bestimmte Lebensmittel sind „verboten“
- Sozialer Rückzug, besonders bei Situationen mit Essen (Einladungen, Restaurantbesuche)
- Häufige Gewichtsschwankungen oder auffälliger Gewichtsverlust
- Heimliches Essen oder Verschwinden nach Mahlzeiten
- Übermäßiger Sport, der zwanghaft und nicht genussbasiert ist
- Körperliche Symptome wie Müdigkeit, Schwindel, Haarausfall, Zahnprobleme
- Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit oder depressive Verstimmung
Wenn Sie diese Anzeichen bei sich selbst oder bei einer Ihnen nahestehenden Person beobachten, ist das ein wichtiger Grund, professionelle Hilfe in Betracht zu ziehen.
Was steckt hinter Essstörungen? Körperbild und Selbstwert
Essstörungen sind niemals „nur“ ein Essproblem. Hinter dem gestörten Essverhalten stehen fast immer tieferliegende Themen rund um Selbstwert, Kontrolle und Identität.
Viele Betroffene haben gelernt, ihren Wert an äußeren Maßstäben zu messen – an Leistung, an Aussehen, an der Anerkennung anderer. Das Kontrollieren des Essens und des Körpers wird dann zu einem Versuch, in einer als unkontrollierbar empfundenen Welt wenigstens über einen Bereich Macht zu haben.
In meiner therapeutischen Arbeit erlebe ich, dass hinter Essstörungen oft verschüttete Stärken und Bedürfnisse liegen: Das Bedürfnis nach Autonomie, nach Zugehörigkeit, nach Anerkennung jenseits von Äußerlichkeiten. Die Essstörung ist dann ein – dysfunktionaler – Lösungsversuch für Probleme, die auf einer anderen Ebene liegen.
Zu den häufigen Hintergrundfaktoren gehören:
- Geringes Selbstwertgefühl: Die eigene Wertschätzung hängt stark vom Körper und vom Gewicht ab
- Perfektionismus: Unmöglich hohe Ansprüche an sich selbst
- Schwierige Beziehungserfahrungen: Übergriffigkeit, emotionale Vernachlässigung oder überbehütende Erziehung
- Traumatische Erlebnisse: Essstörungen treten gehäuft nach traumatischen Erfahrungen auf
- Gesellschaftlicher Druck: Idealisierte Körperbilder in Medien und sozialen Netzwerken
Wie hilft Psychotherapie bei Essstörungen?
Die Behandlung von Essstörungen erfordert einen mehrdimensionalen Ansatz. In der Psychotherapie arbeiten wir auf mehreren Ebenen gleichzeitig:
Normalisierung des Essverhaltens
Ein wichtiger erster Schritt ist die Arbeit am konkreten Essverhalten. Strukturierte Mahlzeiten, das Überwinden von Essensverboten und das Erlernen eines intuitiven Essens stehen hier im Mittelpunkt.
Kognitive Arbeit
Im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie werden dysfunktionale Gedanken und Überzeugungen identifiziert und hinterfragt. „Ich bin nur liebenswert, wenn ich dünn bin“ – solche Grundannahmen tragen die Essstörung und müssen bearbeitet werden.
Emotionsregulation
Viele Betroffene nutzen Essen (oder Nicht-Essen) zur Regulation von Gefühlen. In der Therapie lernen sie alternative Wege, mit schwierigen Emotionen umzugehen.
Körperbild und Selbstwert
Die Beziehung zum eigenen Körper und das Selbstwertgefühl sind zentrale Therapiethemen. Es geht darum, den eigenen Wert unabhängig von äußeren Merkmalen zu erkennen und zu stärken.
Hintergrundthemen bearbeiten
Je nach individueller Situation werden die zugrunde liegenden Themen bearbeitet – seien es Beziehungsmuster, traumatische Erfahrungen oder familiäre Dynamiken.
In meiner Praxis mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie integriere ich verschiedene evidenzbasierte Ansätze, die sich bei der Behandlung von Essstörungen bewährt haben.
Besonderheiten der Behandlung in Berlin
Berlin bietet einerseits ein gutes Netz an spezialisierten Behandlungsmöglichkeiten für Essstörungen – von ambulanter Psychotherapie über Tageskliniken bis hin zu stationären Angeboten. Andererseits ist Berlin auch eine Stadt, in der Körperideale, Fitness-Trends und Social-Media-Einflüsse besonders präsent sind. Dieses Spannungsfeld begegnet mir in der therapeutischen Arbeit regelmäßig.
Wichtig zu wissen: Je nach Schwere der Essstörung kann eine ambulante Psychotherapie ausreichend sein oder es ist zunächst eine (teil-)stationäre Behandlung sinnvoll. Bei starkem Untergewicht muss vor der eigentlichen Psychotherapie eine medizinische Stabilisierung erfolgen. Ich bespreche mit Ihnen im Erstgespräch offen, welcher Behandlungsweg in Ihrer Situation der richtige ist.
Der Weg zurück zu einem gesunden Verhältnis zum Essen
Eine Essstörung zu überwinden ist kein einfacher Weg – aber es ist möglich. In der Therapie erlebe ich immer wieder, wie Menschen schrittweise ein neues, freundlicheres Verhältnis zu ihrem Körper und zum Essen entwickeln. Wie sie lernen, auf ihre eigenen Bedürfnisse zu hören, statt fremde Maßstäbe zu erfüllen. Wie sie ihre Stärken wiederentdecken, die durch die Erkrankung verschüttet waren.
Wenn Sie den Verdacht haben, dass Sie unter einer Essstörung leiden, oder wenn Sie merken, dass Ihr Verhältnis zum Essen zunehmend belastet ist – zögern Sie nicht, sich Hilfe zu suchen. Der erste Schritt ist oft der schwerste, aber auch der wichtigste.
In meiner Praxis in Berlin-Friedrichshain biete ich Ihnen einen geschützten, wertfreien Raum, in dem wir gemeinsam an Ihrer Genesung arbeiten können.
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